Der Dirigent

der Kantorei St. Arbogast

Beat Raaflaub

studierte Germanistik und Geschichte in Basel und promovierte 1977 in Neuer Schweizer Geschichte. Gleichzeitig liess er sich bei Fritz Näf zum Konzertsänger ausbilden und studierte Schulmusik und Chorleitung an der Musikakademie Basel. Anschliessend vertiefte er die Dirigierpraxis bei Erich Schmid.
1976 wurde er zum Leiter der Allgemeinen Musikschule Muttenz ernannt.

Seit 1979 ist er Leiter der Kantorei St. Arbogast Muttenz und half bei der Gründung und Gestaltung des Chores. Weiterhin ist er Dirigent des Kammerchores Zürcher Unterland. Neben Konzerten im Einzugsgebiet der beiden Chöre konzertiert er gelegentlich auch in anderen Regionen der Schweiz. Mit dem Kammerchor Zürcher Unterland gastierte er in Prag und in Nürnberg. Gemeinsam traten die beiden Chöre in Haydns Schöpfung, im Requiem von Brahms und in Mendelssohn Elias auf.
Ebenfalls werden gelegentlich gemeinsame Singwochen durchgeführt.

1983 übernahm er die künstlerische Leitung der Knabenkantorei Basel. Er begleitete diesen international bekannten Chor auf Konzertreisen durch viele Länder Europas, in die USA, nach Südafrika und Brasilien.

Unter der Leitung von Beat Raaflaub wurden zahlreiche Radio-, Fernseh- und
CD-Aufnahmen realisiert.

Die Musikschule Basel zieht den erfahrenen Dirigenten immer wieder zur Leitung
von Chorleitkursen bei.


Herzliche Gratulation


Interview mit Dr. Beat Raaflaub zum 30 jährigen Dienstjubiläum


Der kirchliche Chorgesang ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Teil in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Muttenz. Viele Jahre gestaltete ein reformierter Kirchenchor die Gottesdienste mit Liedern aus dem Kirchengesangbuch mit. Nach der Auflösung dieses Chores, welche durch das hohe Alter der Sängerinnen und Sänger begründet war, wurde im März 1980 die Kantorei St. Arbogast gegründet.

Bereits ab 1. Oktober 1979 verpflichtete die Kirchenpflege Beat Raaflaub als jungen Dirigenten für die musikalische Leitung der Kantorei St. Arbogast. Beat Raaflaub ist verheiratet mit Marianne Raaflaub-Kübler und Vater von drei erwachsenen Söhnen und einer Tochter und wohnt in Muttenz. Als Leiter prägt er seit 1976 die Allgemeine Musikschule (AMS) in Muttenz. Die Kantorei St. Arbogast ist seit ihrer Gründung mit ihren rund 100 aktiven Mitgliedern auch heute noch einer der grössten Kirchenchöre in der Deutschschweiz. Der Chor ist beauftragt, in Gottesdiensten mitzuwirken. Jedes Jahr gestaltet der Chor eine musikalische Abendfeier konzertant mit und lädt die Region zu einem Konzert nach Basel ein.

Magdalen Schmid-Scheibler führte mit dem Dirigenten ein Gespräch.

MS: Beat Raaflaub, unglaublich, dass Du bereits seit 30 Jahren die Kantorei St. Arbogast leitest. Die Kirchenpflege gratuliert Dir zum Jubiläum. Erinnerst Du Dich noch daran, wie alles begann und wie damals der Funke übergesprungen ist?
BR: Ich leitete damals die Kirchenchöre Allschwil und Binningen und sammelte meine ersten Erfahrungen als Dirigent. Dann erhielt ich von der Kirchgemeinde Muttenz die Anfrage, einen ad hoc Chor zu gründen. Beinahe über Nacht meldeten sich zuerst vierzig, dann etwa sechzig Chorsängerinnen und -sänger und so gestaltete ich zwei Weihnachtsfeiern und übte einen Kantatengottesdienst ein. Die Anfrage kam mir sehr gelegen. Ich war daran interessiert, weitere und herausfordernde Dirigentenerfahrungen zu sammeln.

MS: Ich erinnere mich an den ersten grösseren Auftritt mit Dir. Mit viel Schwung und Dynamik übtest Du mit uns den Actus tragicus, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit von Johann Sebastian Bach ein! Ich lernte diese Kantate damals kennen und liebe sie heute noch. Es ist für mich eine unvergessliche Erinnerung an meine Jungsängerinnenzeit.
Welches sind Deine schönsten Erinnerungen?
BR: Schwierige Frage – lass mich nachdenken. Sehr gerne erinnere ich mich an die gemeinsam gestalteten musikalischen Abendfeiern mit gelesenen Texten.
Das Requiem von Giuseppe Verdi, das ich 2004 mit der Kantorei St. Arbogast, dem Kammerchor Zürich Unterland und dem Symphonischen Orchester Zürich in der Tonhalle Zürich, der Stadthalle Bülach und dem Stadtcasino Basel zur Aufführung bringen konnte, war für mich als Musiker am eindrücklichsten.

MS: Woran liegt es, dass Du der Kantorei 30 Jahre lang treu geblieben bist?
BR: Ich schätze die Einbettung in die Wohn- und Kirchgemeinde. Es ergeben sich sinnvolle Querverbindungen, einerseits als Leiter der AMS und andererseits als Dirigent der Kantorei. Ich erhielt immer wieder andere Angebote und muss rückblickend feststellen, es war richtig, in Muttenz zu bleiben. Zudem schätze ich die gute Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Pfarrerinnen und Pfarrern in der Vorbereitung der Gottesdienste. Das macht mir Freude.

MS: Welche Ziele verfolgst Du mit dem Chor?
BR: Ich strebe mit dem Chor an, dass die musikalische Sprache und die Texte der Kompositionen die Hörerinnen und Hörer während unserer Darbietungen erreichen – dass die Botschaft herüberkommt. Als Dirigent versuche ich, die Sängerinnen und Sänger zu fordern. Ich bemühe mich, mit dem Chor das mögliche Höchstmass an gesanglichem Können zu erreichen. Dabei suche ich immer wieder neu, die Balance zu finden zwischen der durch unsere Aufgabe gegebenen Ausgangslage des beinahe jedermann offenen Kirchenchores und den Wünschen jener Chormitglieder, die qualitativ und musikalisch hohe Ansprüche stellen. Das ist nicht immer einfach.

MS: Du bist bei uns Sängerinnen und Sängern seit Jahren als humorvoller Motivationskünstler bekannt. Wie gelingt das?
BR: Grundsätzlich empfinde ich grosse Freude und eine innere Begeisterung bei der Arbeit mit Menschen. Dass ich dazu die von mir so geliebte Musik anderen vermitteln kann, ist für mich ein ganz grosses Glück. Gute Resultate kann ich dann erreichen, wenn ich selber möglichst viel positive Energie ausstrahle. Die Sängerinnen und Sänger sollen Vertrauen erfahren und meine Überzeugung spüren, dass sie das Ziel erreichen werden. Ich versuche möglichst viel Sicherheit zu vermitteln. Ich finde die pädagogische Arbeit sehr reizvoll und werde dann durch den musikalischen Erfolg belohnt.
Ich bekomme in den Chorproben auch Energie von den Sängerinnen und Sängern zurück. Es kam schon vor, dass ich erkältet und müde die Montagsprobe startete und mich nach der Probe erholt fühlte.

MS: Obwohl die Chormitglieder, vergleichbar mit einem guten Wein, viele „gute Jahrgänge“ haben, ist der Chorklang immer noch sehr hörenswert. Woran liegt das?
BR: Es ist sicher von grossem Vorteil, dass ich als Chordirigent ausgebildeter Konzertsänger bin. Dies beeinflusst die Art und Weise, wie ich mit dem Chor arbeite wesentlich. Die Klangästhetik des Chorleiters kann den Gesamtklang beeinflussen. Natürlich können die hohen Register den glänzenden Klang von jungen Stimmen natürlicherweise nicht mehr erreichen. Trotzdem ist es erstaunlich, wie die Soprane in den laufenden Proben zur 9. Symphonie von Beethoven die Höhen bewältigen.

MS: Was verstehst Du unter Klangästhetik?
BR: Meine Vorstellung ist ein runder, voller und möglichst einheitlicher Klang.

MS: Bis vor kurzem warst Du künstlerischer Leiter von drei Chören (Knabenkantorei von 1983 bis 2007, Zürcher Unterland und Kantorei St. Arbogast seit 1979). Du führtest gewisse Werke mehrmals auf. Hast Du eine eigene Entwicklung in der Interpretation der Werke von Aufführung zu Aufführung festgestellt?
BR: Zuerst möchte ich festhalten, dass die Chöre und die Orchester jeweils verschieden waren. Das gibt für mich grundsätzlich neue Ausgangslagen.
Bei der erstmaligen Erarbeitung eines Werkes entwickle ich sehr klare Vorstellungen was zum Beispiel die Tempi oder die musikalische Vermittlung betrifft. Das was ich als stimmig erarbeitet habe, prägt sich so stark ein, dass sich das Grundkonzept bei weiteren Aufführungen nicht mehr grundlegend ändert. Kritiker könnten das allerdings als langweilig interpretieren. (Schmunzelt) Es hat aber den Vorteil – als positive Nebenerscheinung- , dass man die Mitschnitte von zwei Konzerten für eine CD Produktion beliebig kombinieren kann, weil ich die Tempi so verinnerlicht habe.

MS: Welche Musikrichtungen bevorzugst Du? Was liegt dem Chor?
BR Natürlich liegt mir die traditionelle Kirchenmusik sehr nahe. Persönlich hätte ich mir auch eine Entwicklung Richtung Unterhaltungsbereich vorstellen können, das liegt mir ebenfalls. In jungen Jahren improvisierte ich gerne und oft.
Die Kantorei spricht sehr auf die Romantik an. Offenbar liebt die Mehrheit der Sängerinnen und Sänger den betont emotionalen Aspekt dieser Musik. Barockmusik wird stärker als akademisch empfunden.

MS: Wie verhält es sich mit Spirituals?
BR: Spirituals mit Chören aus unserer Kultur wirken oft peinlich oder aufgesetzt, vor allem, wenn sie dann noch von älteren Leuten zelebriert werden. 

MS: Das Konzept Kirchenchor hielt sich in unserer Kirchgemeinde bis im Jahr 1979. Es kam der Konzert- und Kirchenchor – die Kantorei St. Arbogast. Ist dieses Konzept auch bald überholt?
BR: Das ist nicht ausgeschlossen. In der Kirchgemeinde wird diese Frage, wenn die Zeit reif ist, gründlich diskutiert werden müssen. Es wird sich weisen, ob sich wieder Persönlichkeiten finden, die Menschen motivieren können. Im Moment stelle ich fest, dass sich die unverändert hohe Anzahl von Chormitgliedern antizyklisch zur Tendenz der Mitgliederabnahme in Kirchen verhält.

MS: Ja, das ist erstaunlich und erfreulich zugleich. Die Kantorei übernimmt diesbezüglich eine wichtige Funktion in der Kirchgemeinde, da sie Kirchenmitglieder über die Musik binden kann.
Immer mehr Menschen engagieren sich heute Projekt orientiert. Ein Engagement auf Zeit. Vielleicht ist das auch die Zukunft von Laienchören?
Ich freue mich, dass wir Dein Jubeljahr und das dreissigste Jubiläum der Kantorei vorerst in reifer Vollblüte erleben dürfen.

BR: Ich bin sehr dankbar für die gute finanzielle Unterstützung der Kantorei durch die Kirchgemeinde. Ich fühle mich von der Kirchenpflege und dem Präsidium getragen und unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich. Für mich – und viele Chormitglieder - ist es nach wie vor bereichernd, auch Konzerte machen zu dürfen. Ich spüre auch die Dankbarkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer und schätze die gute Zusammenarbeit. Grosszügig empfinde ich die gestalterische und künstlerische Freiheit.

Beat Raaflaub, ich danke Dir sehr herzlich für das interessante Gespräch und wünsche Dir noch viele Jahre der Freude und Begeisterung an der musikalischen Leitung der Kantorei St. Arbogast.

Magdalen Schmid-Scheibler

Der Gesang ist eine Gabe
und ein Geschenk Gottes,
der den Teufel vertreibt
und die Leute fröhlich
macht.
Martin Luther